|
Taktische Mängel
Der Libanesische Fußballverband (FLFA) erlaubt jedem
Erstliga-Verein, sich mit zwei Legionären zu verstärken.
Neben Ivankovic steht als zweiter Ausländer Errol
McFarlane auf der Gehaltsliste von Nejmeh. Den Stürmer
aus Trinidad hat es von der isländischen Liga nach
Beirut verschlagen. Für den Nejmeh-Trainer sind die
beiden wichtige Spieler. Von ihrer Erfahrung profitiert
die Mannschaft besonders im Hinblick auf Taktik und
Disziplin. Den Spielern "taktische Disziplin"
beizubringen, zählt der Ägypter, der einen "Haufen von
Individualisten" befehligt, zu seiner vordringlichsten
Aufgabe, darin bestehe der größte Nachholbedarf im
libanesischen Fußball. Es mangle nicht an viel
versprechenden Talenten, versichert Abdelshafi, obwohl
vor dem Krieg das Reservoir an guten Fußballern
natürlich ungleich größer gewesen sei. Um die Spieler
nach seinen Vorstellungen weiterzuentwickeln, braucht es
Zeit. Ob er die hat, bleibt abzuwarten. Die Fans von
Nejmeh fordern Titel. Das letzte Mal entschied der Klub
im Jahr 2002 die Meisterschaft für sich. Dass im Libanon
Satellitenfernsehen zu empfangen ist, macht die Sache
für den Coach nicht leichter. Die Anhänger sehen die
Matches der europäischen Champions League und wollen,
dass ihr Team so wie Real Madrid oder AC Milan
brilliert.
Zur Halbzeit steht es zwischen Nejmeh und Mabarrah 0:0.
Obwohl Mabarrah in nahezu stärkster Besetzung angetreten
ist und Nejmeh auf viele Leistungsträger, vor allem auf
seinen Star und Mittelfeldstrategen Moussa Hojeij,
verzichten muss, war kein großer Unterschied zu
bemerken. Mabarrahs Spieler, die anfänglich in blauen
Dressen aufliefen, kommen zuerst wieder aus der Kabine,
diesmal in oranger Arbeitskleidung, was aber niemanden
auf den Rängen sonderlich irritiert. Angesichts der
fehlenden Brisanz der Begegnung herrscht auf der Tribüne
eine distanzierte Gelassenheit. Nur Walid Itani wirkt
mürrisch. Mit der Leistung seines Teams an diesem
Nachmittag ist er ganz und gar nicht einverstanden.
Seine "Sterne" - Nejmeh bedeutet "Stern" - tun auch zu
Beginn der zweiten Halbzeit nichts, was seine Stimmung
heben könnte. Zu allem Überdruss geht Mabarrah, der Klub
der schiitischen Wohlfahrtsvereinigung Orphanage, auch
noch mit 1:0 in Führung. Itani besteht trotzdem darauf,
dass Nejmeh der beste Klub mit der größten
Anhängerschaft im Libanon ist.
Hochzeitspolitik
Tatsächlich locken die "Roten" in der Meisterschaft im
Durchschnitt etwa 15.000 Zuschauer pro Spiel an, mehr
als jede andere Mannschaft. Die Beliebtheit des Vereins
über alle Konfessionsgrenzen hinweg ist ein Verdienst
des früheren Klubpräsidenten Omar Ehandour, der die
Geschicke des Vereins in den Jahren von 1967 bis 2002
bestimmte. Der Ex-Präsident hielt seinen Klub so gut es
ging von der Politik fern. Er tanzte wortwörtlich auf
mehreren Hochzeiten, war als Moslem gern gesehener Gast
bei christlichen Trauungen. Nicht zuletzt dank seiner
Hochzeitspolitik hat der Verein, dessen Fans sich
mehrheitlich aus den schiitischen und sunnitischen
Bevölkerungsteilen rekrutieren, auch viele christliche
Sympathisanten. Zudem war Nejmeh unter Ehandours Regie
stets offen für Spieler mit nicht-moslemischem
Glaubensbekenntnis. Das wäre bei Al-Ahed, dem
offiziellen Klub der Hisbollah, undenkbar.
Im Prinzip setzen sich die Trennlinien zwischen den
ehemaligen Bürgerkriegsparteien auf dem Spielfeld fort.
Während Nejmeh den Ruf der Unabhängigkeit genießt,
lassen sich die anderen Klubs der Zwölferliga eindeutig
einem politisch-religiösen Lager zuordnen. Sagesse und
Salam gelten als maronitische Vereine - als Maroniten
werden die Mitglieder der mit Rom unierten syrischen
Kirche im Libanon bezeichnet. Die Schiiten stellen mit
Al-Ahed, Sahel, Mabarrah und Tadamon die meisten Teams.
Mit Al-Ansar und Olympic Beirut sind die Sunniten, die
Angehörigen der orthodoxen Hauptrichtung des Islam,
vertreten. Die abstiegsgefährdeten Mannschaften von
Homenmen und Homenetmen repräsentieren die armenische
Minderheit. Schließlich sind noch die Drusen mit der Elf
von Safa im Spiel. Fehlen nur noch die ungeliebten Syrer
und Palästinenser, um den Beiruter Fußball-Kosmos zu
vervollständigen. Spitzenfußball ist derzeit eine
Angelegenheit der Hauptstädter. Zehn der Erstligisten
stammen aus Beirut, von der Provinz kommen lediglich
Tadamon aus der Hafenstadt Tyrus und Salam aus dem
Norden hinzu.
Mäzene und Merchandising
Im libanesischen Vereinsfußball hängt vieles von der
Privatinitiative reicher Geschäftsleute ab. Das Land,
das in einer veritablen Wirtschaftskrise steckt, hat
andere Sorgen als etwa die Sanierung der maroden
Stadien. Einziges Zeichen öffentlichen Engagements ist
die renovierte "Sports City" an der Avenue Camille
Chamoun, einer über 40.000 Sitzplätze fassenden
Fuß-ballarena, die während des Krieges mehrmals von der
israelischen Luftwaffe bombardiert wurde.
Das Desinteresse der Regierung am Fußball bringt
Mohammad Fanj, Nejmehs Klubpräsidenten, denn auch auf
die Palme. Er fordert mehr Unterstützung für die
Vereine. Insgesamt bezeichnet Fanj die finanzielle
Situation der Klubs als schwierig. Ohne Mäzene wäre an
eine Aufrechterhaltung des Fußballbetriebes nicht zu
denken, erklärt der Präsident. Bei Nejmeh tritt
Bahaaeddine Hariri, Multimillionär und Sohn des
libanesischen Premierministers Rafik Hariri, als Spender
auf. Der Geschäftsmann deckt zirka 80 Prozent des
Budgets ab, das für die laufende Spielzeit 1,2 Millionen
US-Dollar beträgt.
Mit Hariri als faktischem Eigentümer ist der Klub
allerdings in den Bannkreis der Politik geraten. Viele
Fans verfolgen diese Entwicklung argwöhnisch - sie sehen
Nejmehs traditionelle Unabhängigkeit in Gefahr. Der Rest
des Budgets wird über Geldgeber aus der Wirtschaft
aufgebracht. Nejmeh ist attraktiv genug, um wenigstens
ein paar Sponsoren an Land zu ziehen. Alles in allem ist
Fußball für libanesische Unternehmen kein Thema. "Die
Zahl der Sponsoren ist lächerlich gering", beklagt Fanj.
Um weitere Geldquellen anzuzapfen, plant der Verein -
als erster Klub überhaupt - einen Fanshop in Beirut zu
eröffnen. Auch in Sachen Merchandising ticken die Uhren
im Land der Zedern anders.
Die Partie endet 2:2. Hussein Dokmak verwandelte in der
Nachspielzeit einen Elfmeter für Nejmeh und rettete
einen Punkt für die "Roten". Ein versöhnliches Ende für
Itani. Sein Klub wird heuer die Meisterschaft gewinnen,
meint er zuversichtlich: "Inschallah" - so Gott will.
 zurück
|