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 beirut

text: günter vielgut
fotos: günter vielgut

erschienen: wiener zeitung 26/04/04

 

 

 

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Kaffeduft und Brandgeruch; von Stefan Weidner

Geschichten über Beirut: vor, wäh- rend und nach dem Bürgerkrieg. Ein- dringliche Episoden über eine leidge- prüfte Stadt und ihre Einwohner. Ab- surditäten des Krieges, Stories aus einer ganz beson- deren Stadt.

 

 
Spiele auf morastigem Boden (Teil II)

Taktische Mängel
Der Libanesische Fußballverband (FLFA) erlaubt jedem Erstliga-Verein, sich mit zwei Legionären zu verstärken. Neben Ivankovic steht als zweiter Ausländer Errol McFarlane auf der Gehaltsliste von Nejmeh. Den Stürmer aus Trinidad hat es von der isländischen Liga nach Beirut verschlagen. Für den Nejmeh-Trainer sind die beiden wichtige Spieler. Von ihrer Erfahrung profitiert die Mannschaft besonders im Hinblick auf Taktik und Disziplin. Den Spielern "taktische Disziplin" beizubringen, zählt der Ägypter, der einen "Haufen von Individualisten" befehligt, zu seiner vordringlichsten Aufgabe, darin bestehe der größte Nachholbedarf im libanesischen Fußball. Es mangle nicht an viel versprechenden Talenten, versichert Abdelshafi, obwohl vor dem Krieg das Reservoir an guten Fußballern natürlich ungleich größer gewesen sei. Um die Spieler nach seinen Vorstellungen weiterzuentwickeln, braucht es Zeit. Ob er die hat, bleibt abzuwarten. Die Fans von Nejmeh fordern Titel. Das letzte Mal entschied der Klub im Jahr 2002 die Meisterschaft für sich. Dass im Libanon Satellitenfernsehen zu empfangen ist, macht die Sache für den Coach nicht leichter. Die Anhänger sehen die Matches der europäischen Champions League und wollen, dass ihr Team so wie Real Madrid oder AC Milan brilliert.

Zur Halbzeit steht es zwischen Nejmeh und Mabarrah 0:0. Obwohl Mabarrah in nahezu stärkster Besetzung angetreten ist und Nejmeh auf viele Leistungsträger, vor allem auf seinen Star und Mittelfeldstrategen Moussa Hojeij, verzichten muss, war kein großer Unterschied zu bemerken. Mabarrahs Spieler, die anfänglich in blauen Dressen aufliefen, kommen zuerst wieder aus der Kabine, diesmal in oranger Arbeitskleidung, was aber niemanden auf den Rängen sonderlich irritiert. Angesichts der fehlenden Brisanz der Begegnung herrscht auf der Tribüne eine distanzierte Gelassenheit. Nur Walid Itani wirkt mürrisch. Mit der Leistung seines Teams an diesem Nachmittag ist er ganz und gar nicht einverstanden. Seine "Sterne" - Nejmeh bedeutet "Stern" - tun auch zu Beginn der zweiten Halbzeit nichts, was seine Stimmung heben könnte. Zu allem Überdruss geht Mabarrah, der Klub der schiitischen Wohlfahrtsvereinigung Orphanage, auch noch mit 1:0 in Führung. Itani besteht trotzdem darauf, dass Nejmeh der beste Klub mit der größten Anhängerschaft im Libanon ist.

Hochzeitspolitik
Tatsächlich locken die "Roten" in der Meisterschaft im Durchschnitt etwa 15.000 Zuschauer pro Spiel an, mehr als jede andere Mannschaft. Die Beliebtheit des Vereins über alle Konfessionsgrenzen hinweg ist ein Verdienst des früheren Klubpräsidenten Omar Ehandour, der die Geschicke des Vereins in den Jahren von 1967 bis 2002 bestimmte. Der Ex-Präsident hielt seinen Klub so gut es ging von der Politik fern. Er tanzte wortwörtlich auf mehreren Hochzeiten, war als Moslem gern gesehener Gast bei christlichen Trauungen. Nicht zuletzt dank seiner Hochzeitspolitik hat der Verein, dessen Fans sich mehrheitlich aus den schiitischen und sunnitischen Bevölkerungsteilen rekrutieren, auch viele christliche Sympathisanten. Zudem war Nejmeh unter Ehandours Regie stets offen für Spieler mit nicht-moslemischem Glaubensbekenntnis. Das wäre bei Al-Ahed, dem offiziellen Klub der Hisbollah, undenkbar.

Im Prinzip setzen sich die Trennlinien zwischen den ehemaligen Bürgerkriegsparteien auf dem Spielfeld fort. Während Nejmeh den Ruf der Unabhängigkeit genießt, lassen sich die anderen Klubs der Zwölferliga eindeutig einem politisch-religiösen Lager zuordnen. Sagesse und Salam gelten als maronitische Vereine - als Maroniten werden die Mitglieder der mit Rom unierten syrischen Kirche im Libanon bezeichnet. Die Schiiten stellen mit Al-Ahed, Sahel, Mabarrah und Tadamon die meisten Teams. Mit Al-Ansar und Olympic Beirut sind die Sunniten, die Angehörigen der orthodoxen Hauptrichtung des Islam, vertreten. Die abstiegsgefährdeten Mannschaften von Homenmen und Homenetmen repräsentieren die armenische Minderheit. Schließlich sind noch die Drusen mit der Elf von Safa im Spiel. Fehlen nur noch die ungeliebten Syrer und Palästinenser, um den Beiruter Fußball-Kosmos zu vervollständigen. Spitzenfußball ist derzeit eine Angelegenheit der Hauptstädter. Zehn der Erstligisten stammen aus Beirut, von der Provinz kommen lediglich Tadamon aus der Hafenstadt Tyrus und Salam aus dem Norden hinzu.

Mäzene und Merchandising
Im libanesischen Vereinsfußball hängt vieles von der Privatinitiative reicher Geschäftsleute ab. Das Land, das in einer veritablen Wirtschaftskrise steckt, hat andere Sorgen als etwa die Sanierung der maroden Stadien. Einziges Zeichen öffentlichen Engagements ist die renovierte "Sports City" an der Avenue Camille Chamoun, einer über 40.000 Sitzplätze fassenden Fuß-ballarena, die während des Krieges mehrmals von der israelischen Luftwaffe bombardiert wurde.

Das Desinteresse der Regierung am Fußball bringt Mohammad Fanj, Nejmehs Klubpräsidenten, denn auch auf die Palme. Er fordert mehr Unterstützung für die Vereine. Insgesamt bezeichnet Fanj die finanzielle Situation der Klubs als schwierig. Ohne Mäzene wäre an eine Aufrechterhaltung des Fußballbetriebes nicht zu denken, erklärt der Präsident. Bei Nejmeh tritt Bahaaeddine Hariri, Multimillionär und Sohn des libanesischen Premierministers Rafik Hariri, als Spender auf. Der Geschäftsmann deckt zirka 80 Prozent des Budgets ab, das für die laufende Spielzeit 1,2 Millionen US-Dollar beträgt.

Mit Hariri als faktischem Eigentümer ist der Klub allerdings in den Bannkreis der Politik geraten. Viele Fans verfolgen diese Entwicklung argwöhnisch - sie sehen Nejmehs traditionelle Unabhängigkeit in Gefahr. Der Rest des Budgets wird über Geldgeber aus der Wirtschaft aufgebracht. Nejmeh ist attraktiv genug, um wenigstens ein paar Sponsoren an Land zu ziehen. Alles in allem ist Fußball für libanesische Unternehmen kein Thema. "Die Zahl der Sponsoren ist lächerlich gering", beklagt Fanj. Um weitere Geldquellen anzuzapfen, plant der Verein - als erster Klub überhaupt - einen Fanshop in Beirut zu eröffnen. Auch in Sachen Merchandising ticken die Uhren im Land der Zedern anders.

Die Partie endet 2:2. Hussein Dokmak verwandelte in der Nachspielzeit einen Elfmeter für Nejmeh und rettete einen Punkt für die "Roten". Ein versöhnliches Ende für Itani. Sein Klub wird heuer die Meisterschaft gewinnen, meint er zuversichtlich: "Inschallah" - so Gott will.

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