Wenn dieser Bericht
entsteht, im Mai 2006, sind bereits über elf Jahre in´s
Land gezogen; gewissermaßen eine etwas verspätete
Nacherzählung von den Ereignissen auf dem Feld, damals
in Brüssel. Es war jedenfalls mein erster Matchbesuch
im Ausland.
Eine Exkursion im Zuge des "Hochschulkurses für
Europajournalismus" führte mich im Februar 1995 mit
meinen Kurskollegen, Mädels und Jungs, in die belgische
Hauptstadt. Das Programm: sämtliche EU-Institutionen,
NATO-Hauptquartier, Empfang beim damaligen
EU-Landwirtschaftsminister Franz Fischler. Gähnende
Langeweile war unvermeidbar. Irgendwer hatte die
Idee, ein Match zu besuchen. Eine Frage beim
Hotelportier ergab, dass während unseres Aufenthalts
zwar keine Liga gespielt wird, aber ein
Cup-Viertelfinale in's Haus stand: RSC Anderlecht gegen KV
Mechelen im "Coupe de Belqique" oder "Beker van Belgie"
wie die Flamen sagen.
Mit den Kollegen Fisa und Martin - neben mir definitiv
die einzigen an Fußball Interessierten aus der Gruppe -
ging´s per U-Bahn Richtung Vanden Stock Stadion, zur
Anderlecht-Heimstätte. Der Anmarsch im Großrudel der
Anderlecht-Fans, die zur Spielstätte strömten, führte
durch eine etwas finstere Gegend, zumindest in meiner
Erinnerung. Vielleicht lag´s aber auch an der trüben
Februarstimmung, die ein wenig Unbehagen verbreitete und
das Gefühl des Fremdseins in einer unbekannten Masse
verstärkte.
Meine Erinnerungen
an die nackten Fakten an diese Begegnung sind weitgehend
verblasst. Wie viele Zuschauer im Rund waren, wie es
genau ausging, wer die Tore schoss, ist im Nebel der
Jahre verschwunden. Fest steht nur: Anderlecht setzte
sich am Ende durch. Und die Stimmung unter den Fans kann als
mittelprächtig bezeichnet werden.
Bleibend in mein
Gedächtnis eingegraben haben sich hingegen die
Schnecken, die am Würstelstand vor dem Stadion kredenzt
wurden. Dass die Brüsseler ein verfressenes Volk
sind, wird einem beim Gang durch die so genannten "Freßstraßen"
im Zentrum schlagartig klar. Mit Schnecken am
Würstelstand hatte ich allerdings nicht gerechnet. Der
belgische Fan pflegt auch am Fußballplatz einen gewissen
Hedonismus. Überrascht und angetan von soviel Eßkultur
bestellte ich auch gleich ein Dutzend. Es schmeckte
hervorragend.
Neben den
Schnecken hat sich auch der Spieler Frankie van der Elst
nachhaltig in meine Gehirnwindungen geschlichen.
Seltsamerweise. Denn, wie Recherchen ergeben, hat er nie
- soweit ich es übersehe - bei Anderlecht gespielt, auch
wenn ich das elf Jahre lang behauptet habe. Sein
Stammklub war die meiste Zeit Club Brügge. Dennoch war
ich bis vor kurzem total überzeugt, Frankie van der Elst
live gesehen zu haben. Ich habe also über ein Jahrzehnt
in einem Irrtum gelebt - im übrigen nicht der erste
Irrtum, in dem ich solange verweilte. Ich kann mir das
nur so erklären, dass ich Frankie van der Elst
wahnsinnig gern
spielen gesehen hätte. So wie manche wahrscheinlich
gerne damit angeben würden, Ronaldinho live gesehen zu
haben. Bei mir war es halt Frankie van der Elst, jener belgische Spieler, der mich am nachhaltigsten
beeindruckt hat. Übrigens auch Pele, der ihn in seine
Liste der besten Spieler aufnahm. Außerdem ist Frankie
van der Elst einfach ein cooler Name.
Wie auch immer.
Ich denke, ich werde einfach weiter behaupten, Frankie van der Elst spielen
gesehen zu haben. Es ist ohnehin eh
jedem relativ wurscht.
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