Die letzte Predigt unserer ehemaligen Pfarrerin:
Predigt zum
4. Sonntag nach Trinitatis über über Lukas 6,36-42
Mürzzuschlag, 5.
Juli 2009
36 "Werdet barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist! 37 Verurteilt nicht andere, dann wird Gott euch auch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen. 38 Schenkt, dann wird Gott euch schenken; ja, er wird euch so überreich beschenken, dass ihr gar nicht alles fassen könnt. Darum gebraucht anderen gegenüber ein reichliches Maß; denn Gott wird bei euch dasselbe Maß verwenden." 39 Jesus machte ihnen auch in Bildern deutlich, wovor sie sich hüten sollen; er sagte: "Kein Blinder kann einen Blinden führen, sonst fallen beide in die Grube. 40 Kein Schüler steht über seinem Lehrer. Und wenn er ausgelernt hat, soll er wie sein Lehrer sein. 41 Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? 42 Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: Komm her, Bruder; komm her, Schwester; ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen, und merkst gar nicht, dass du selbst einen ganzen Balken im Auge hast? Scheinheilig bist du! Zieh doch erst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern!"
Um gleich allem Verdacht zu widersprechen: Nein, ich hab mir das nicht als Abschiedsbotschaft ausgesucht, es ist die Stelle, die für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist.
"Verurteilt nicht andere, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Verzeiht, dann wird Gott euch verzeihen." So häufig ist diese Warnung in der Bibel, dass es mich wundert, dass sie nicht deutlichere Spuren hinterlassen hat in einer angeblich christlichen Kultur.
Da geht's nämlich ganz in die menschliche Natur hinein. Wenige Regeln des christlichen Glaubens widersprechen der menschlichen Natur so sehr wie die: Wer tatsächlich nie, in keiner Situation, die Neigung hat, über andere zu urteilen, der darf sich sofort seinen Heiligenschein abholen.
Nein, im Ernst, grad unter Christen blüht diese Unart besonders auf, denn eine Unart ist es. Wir stehen nämlich nicht als Einzelne vor Gott, mit einzelnen Heiligen kann er nicht viel anfangen, wir sind als Gemeinschaft gefragt, als Gemeinde. Wir , nicht ich. An diesem Punkt sollen wir halt an uns arbeiten.
Aber warum ist es so mühsam, das zu lernen? Warum ist es uns so ein Bedürfnis, über einander herzuziehen und zu urteilen? - Weil es unser Selbstwertgefühl stärkt. Wenn andere schlechter sind als wir selber, dann können wir uns gut fühlen. Wenn wir jemandem die Schu8ld an etwas zuschanzen können, dann sind wir selber nicht verantwortlich. Mit dem Hinweis auf die Splitter in den Augen der anderen wollen wir uns entlasten, uns ent-schuldigen.
Solange wir aber so denken, stehen wir noch allein, sind andere noch Konkurrenz, die uns bedroht, wenn sie zu gut dasteht. Es mag natürlich sein, so zu denken, gescheit ist es nicht. Es macht nämlich nicht glücklich.
Hier ist die Aufforderung Jesu wirklich eine Einladung, über uns selber hinauszuwachsen, in unserem eigenen Interesse. Im Film "Saved!" gibt es eine Szene, in der ein Mädchen, Hilary Faye, einem anderen, Mary, eine Bibel nachschmeißt mit den Worten: "Ich bin erfüllt von der Liebe Gottes!" Und so witzig das klingen mag, ist es doch sehr menschlich, auch bei uns Christen.
Hält Jesus seinen Anspruch in der Bergpredigt sehr allgemein, so geht Paulus (nicht nur im Römerbrief) auf die christlichen Gemeinden im Besonderen ein: Da ist es ja auch noch um die Frage gegangen, ob die Christen, die früher Heiden waren, die Gesetze der Juden beachten sollen oder nicht, besonders die Speisegebote und die Festtage: "Die einen beachten an bestimmten Tagen besondere Regeln; für die anderen sind alle Tage gleich. Es kommt nur darauf an, dass jeder nach seiner festen Überzeugung handelt."
Bei uns sieht man das besonders in der Zeit vor Ostern. Für manche Christen eine Fastenzeit, in der sie auf manches verzichten, für andere nicht: beides ist okay, wenn einer den anderen gelten lässt. Aber wer glaubt, wegen seiner Überzeugung besser zu sein als der andere, ist schon wieder auf dem Holzweg.