Die
Bedeutung der Bibel für den Glauben des Einzelnen ist immer eins der
wesentlichen Kennzeichen evangelischen Glaubens gewesen. Eine zentrale Forderung
schon der Vorreformatoren im Mittelalter (wie z.B. Petrus Waldus, John Wiclif,
Jan Hus,...) war, dass die Bibel in die Sprache der einfachen Menschen übersetzt
werden müsse, damit sie auch die lesen können, die nicht Latein können. (Mit ein
Grund, warum die Erfindung des Buchdrucks für das Gelingen der Reformation so
bedeutsam war: Gedruckte Bibeln sind natürlich wesentlich erschwinglicher als
die kostbaren, arbeitsintensiven Handschriften des Mittelalters)
Es ist einer der grundsätzlichen Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Tradition (wenn nicht überhaupt DER grundlegende, auf den alle anderen zurückgeführt werden können), dass außer den Schriften des Alten und Neuen Testaments nichts, aber auch gar nichts Grundlage für den Glauben sein kann. In der katholischen Kirche war immer auch die kirchliche Tradition, die Beschlüsse der Konzilien und Päpste, für die Entwicklung der Lehre verbindlich. Wohl anerkennt die evangelische Kirche auch so manche dieser Beschlüsse, vor allem der ersten, altkirchlichen Konzilien, aber nur, weil und wenn diese der Bibel nicht widersprechen, sondern die Aussagen der Bibel erklärend zusammenfassen. Eine der Kernaussagen der Reformation war und ist: "sola scriptura"- "Allein die Schrift"
Allerdings ist diese Schrift nicht immer eindeutig zu verstehen. Es gibt auch auf evangelischem Boden die unterschiedlichsten Anschauungen und Traditionen, die sich vor allem durch ihr Bibelverständnis voneinander unterscheiden. Manche lesen sie so direkt, wie sie sie finden, als wäre sie ein persönlicher Brief Gottes an den Empfänger, der da gerade liest, andere gehen ihr mit wissenschaftlicher, historisch-kritischer Exegese auf den Grund, manche lesen sie symbolhaft, andere tiefenpsychologisch - ein an einem Punkt konzentriertes Lehramt, das verbindlich vorschreibt, wie die einzelnen Aussagen zu interpretieren seien, gibt es nicht, und kann es gar nicht geben: Wer sollte das verbindlich sagen können? Das Lehramt kann nur die Kirche als Ganzes ausüben, und in ihr ALLE Gläubigen gemeinsam.
Deshalb ist es wichtig, dass Christen auch über die Grenzen
ihrer Traditionen hinaus, im Gespräch bleiben. Denn nur im unablässigen
ernsthaften Austausch, im ständigen Dialog, im gemeinsamen Ringen um die
Wahrheit können wir wachsen am Wort Gottes, und dafür ist es uns gegeben. (Auch
diese Äußerung ist in dem Sinne, den sie beschreibt, zu lesen).
Die Bibel (griechisch biblia = Bücher) enthält die
verschiedenartigsten Schriften aus ca 1500 Jahren Entstehungszeit: Erzählungen,
Sagen und Fabeln, geschichtliche Aufzeichnungen, Gesetzessammlungen und
-begründungen, zeit- und gesellschaftskritische Anklagen (Prophetenbücher),
Gedichte, Gebete, Lieder, Spruchsammlungen, Briefe, ... und oft genug mehreres
davon in einem Buch.
Das Alte Testament erzählt von der Geschichte Gottes mit dem
Volk Israel, von der Erschaffung der Welt an. Es erzählt Geschichte, und
reflektiert und verdichtet sie gleichzeitig in Weisheitsbüchern,
Prophetenbüchern, Liedern.
Das Neue Testament beginnt mit der
Geschichte Jesu (EIN
Evangelium in vier Versionen - nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes)
und erzählt die Entstehung der christlichen Kirche im ersten
Jahrhundert (ein paar von den kleineren Briefen sind sogar noch etwas jünger);
der Leser erfährt von den Problemen, die in den ersten Gemeinden aufgetreten
sind, und wie die Prediger (etwa der Apostel Paulus) sie gelöst wissen wollten.
Erste Interpretation und praktische Anwendung der Lehre Jesu,
sozusagen.
Natürlich steht im evangelischen Bibelverständnis das
Evangelium im Mittelpunkt. Was aber nicht heißen muss: die vier
Evangeliumsbücher - auch in den Paulusbriefen finden wir nichts als das
eine Evangelium, nur eben schon reflektiert und auf praktische Fallbeispiele
angewandt.
Informationen, Online-Bibeltexte in verschiedensten Übersetzungen, sowie weiterführende Links finden Sie unter www.2003dasjahrderbibel.at, vollständige Bibeltexte unter www.bibleserver.com...