Die Beichte

Beichte ist für viele Evangelische eine fremde, äußerst exotische Sache geworden.

Dabei ist schon erschreckend, dass anscheinend die allgemeine Beichte im evangelischen Gottesdienst von vielen gar nicht als solche verstanden wird. "Beichte" meint im normalen Sprachgebrauch nur die Einzelbeichte, und die ist wieder nur aus der katholischen Praxis bekannt. Buße als Umkehr ist seit der Predigt Johannes' des Täufers, ein Grundthema des christlichen Glaubens. Ziel der Umkehr ist seit apostolischer Zeit die heilende Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Nicht von ungefähr war es die Buß-und Beichtpraxis der Kirche seiner Zeit, an der sich Luthers Protest entzündete. Dabei ging es nicht nur um die entartete Erscheinung der Beichte in Form des Ablasshandels, sondern viel umfassender um die Funktion der Beichte im allgemeinen und das damit verbundene Gottesbild. Luthers Kritik an der römischen Praxis setzt schon an der Lehre von der Erbsünde ein: „Sie halten von der Erbsünde nichts, sondern sagen, die natürlichen Kräfte des Menschen seien ganz und unverderbt geblieben; die Vernunft könne recht lehren, und der Wille könne recht danach tun, dass Gott gewiß seine Gnade gibt, wenn ein Mensch tut, soviel an ihm ist, nach seinem freien Willen“, schreibt er 1537 im Artikel Von der falschen Buße der Papisten“ in den Schmalkaldischen Artikeln (einer für ein geplantes aber dann doch nicht zustandegekommenes Konzil in Mantua verfassten Bekenntnisschrift). Er kritisiert weiter, dass es dem Menschen schlicht unmöglich ist, alle seine Verfehlungen aufzuzählen, und dass die katholische Beichtlehre zu sehr auf Buße und Reue als Leistung des Menschen Wert gelegt hat, womit man ihnen die Befreiung aus der Vergebung Gottes vorenthalten habe.

Wie hoch Luther selber die Beichte in Ehren gehalten hat, hat er in einer seiner Invokavitpredigten formuliert, gehalten am Sonntag Reminiszere, 1522: "Dennoch will ich mir die heimliche Beichte niemals nehmen lassen; wollte sie nicht um den Schatz der ganzen Welt geben, denn ich weiß was für einen Trost und Stärke sie mir gegeben hat. Es weiß niemand was sie vermag, als wer mit dem Teufel gefochten hat. Ja, ich wäre längst vom Teufel erwürgt wenn mich nicht die Beichte erhalten hätt"

Aus seelsorgerlichen Gründen wollte Luther die Beichte unbedingt beibehalten, beichten bedeutet für ihn nichts anderes als Christsein schlechthin: „Darum wenn ich zur Beichte vermahne, so tue ich nichts anders, als dass ich vermahne, ein Christ zu sein“, schreibt er im Großen Katechismus.

Trotzdem wird die Beichte in der Evangelischen Kirche, wie eingangs erwähnt, kaum wahrgenommen, worin sich wahrscheinlich auch die Abgrenzung zur römisch-katholischen Beichtverpflichtung widerspiegelt. Die Veränderung der gesellschaftlichen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem seit dem Ende der Sechzigerjahre hat die Beichte zugunsten des seelsorgerlichen Gesprächs weiter zurückgedrängt. An den Pfarrer wird nicht mehr die Erwartung eines Vermittlers der Absolution Gottes herangetragen, sondern eher die eines psychologisch geschulten Beraters, der als offener und gesprächsbereiter Partner zur Verfügung steht.

Die Verschwiegenheitsverpflichtung, sowie deren staatlicher Schutz gilt allerdings für evangelische Pfarrer genauso wie für die katholischen.