Peter Rosegger brachte der Gründung einer evangelischen Gemeinde und der Errichtung einer Kirche großes Interesse entgegen. Früh hatte er Kontakt zum späteren ersten Pfarrer und war gerne bereit die Bemühungen um eine eigene Pfarre zu unterstützen. Er förderte den Bau der Kirche durch seinen weithin bekannten Spendenaufruf "An unsere Freunde im Reich", der an zahlreiche Zeitungen in Deutschland und der Schweiz gesandt wurde.
Mit dankbarer Freude der Teilnahme gedenkend,
die wir Deutsche in den Alpen oft von Euch erfahren, komme ich heute mit einem
besonderen Anliegen. Es betrifft meine Waldheimat in einer uns allen wichtigen
Sache.
Die Bevölkerung dieser Gegend ist
größtenteils katholisch, doch lebt - besonders im Mürztale - unter den Katholiken zerstreut eine Anzahl
evangelischer Christen, teils noch aus der Reformationszeit stammend, teils
seither aus Deutschland eingewandert, oder in neuer Zeit übergetreten.
Sie waren jedoch bisher nicht mitsammen verbunden durch eine Kirchengemeinde,
sie hatten keinen Führer, keinen Gottesdienst, lebten für sich so
dahin, in der Gefahr sich zu verlieren und zu erkalten. Aber die Gottessehnsucht
unserer Zeit hat auch diese Einsamen erfaßt, es überkam sie das Heimweh
nach einem christlichen Gemeinleben. So haben sie nun aus Deutschland einen
evangelischen Geistlichen berufen, der bereits mit treuem Eifer tätig ist,
die im Mürztale und Umgebung lebenden 500 Protestanten zu einem Gemeinwesen
zusammenzufügen. Er wandert in die entlegenen Täler und Wälder,
steigt auf Alpenhöhen, um die einschichtigen Bekenner aufzusuchen. Er unterrichtet
die evangelische Jugend, predigt den Erwachsenen, tröstet die Leidenden.
Volk und Behörde erkennen, daß es sich hier nicht etwa um eine politische
Propaganda handelt, vielmehr um eine große sittliche Aufgabe für
die Einzelnen und die Gesellschaft. Hocherfreulich ist es ja, daß die
Menschen sich abzuwenden beginnen von dem seelentötenden Materialismus
und zurückverlangen zur christlichen Botschaft. Wie in anderen Alpengegenden
werden die beiden Konfessionen doch auch hier friedlich neben einander bestehen,
jede in ihrer Art ein Bedürfnis und ein Segen für das Volk.
Also ist in dem waldumkränzten Tale
die junge evangelische Gemeinde in bester Bildung begriffen. Die Leute schicken
sich an, heimzukehren ins Vaterhaus, aber - es ist keins vorhanden. Es fehlt
der sichtbare Mittelpunkt, die Kirche. Eine solche soll nun erbaut werden im
Hauptorte des oberen Mürztales, im herrlich am Fuße des Semmerings
gelegenen Marktflecken Mürzzuschlag. Dort, von freier Anhöhe aus soll
die Heilandskirche leuchten weithin in die Alpentäler. Die zum Teile sehr
armen Gemeindegenossen, aus Holzknechten, Almern und Werkarbeitern bestehend,
sind im hohen Grade opferwillig; die wenigen Wohlhabenden steuern kräftig
bei, auch der Evangelische Bund wird Mithilfe leisten, allein - das will halt
noch nicht langen auf ein würdiges Gotteshaus, das auch künftigen
Jahrhunderten geweiht sein soll.
Ich bin von Haus aus Katholik, finde
es aber mit meinem christlichen Gewissen vereinbar, den evangelischen Stammesgenossen
bei ihrem Kirchenbau ein wenig zu helfen. So habe ich nun den Stecken zur Hand
genommen und die Kraxe auf den Rücken und gehe betteln um Bausteine für
die neue Heilandskirche in Mürzzuschlag. Zu Euch ins gesegnete Deutsche
Reich komme ich mit allem Vertrauen; Ihr habet Brüder, die heldenhaft für
Heimat und Evangelium kämpfen, noch nie verlassen. Ich bitte Euch, Ihr
Freunde und Gesinnungsgenossen in der weiten Welt, um milde Beiträge zu
diesem Kirchenbau im Waldlande für Euere Glaubensgenossen. Ihr habet ja
gewiß auch schon oft erfahren, daß alles, was im Sinne des Christentums
getan wird, einen wunderbaren Segen in unser Leben bringt.
Peter
Rosegger
In der Waldheimat, Anfang des Jahres
1900.
Gaben sind zu senden an den Herrn Adolf
Kappus, evangelischer Vikar in Mürzzuschlag, Steiermark. Der Empfang wird
in der Berliner "Täglichen Rundschau" bestätigt.
Im ersten Entwurf hatte der Schlusssatz
gelautet:
Und fraget nicht, wieso ein Katholik
dazu komme! Denket, wir sind dreifach mitsammen verbunden als Menschen, als
Christen, als Deutsche, und die höchsten Ziele sind uns gemeinsam.
Den
oben genannten Wunsch nach einem Marienbildnis in der Heilandskirche begründete
Peter Rosegger so:
Ich bin ein alter Freund der Marien-Minne,
und weil Maria, die Heilandsmutter, ja doch auch eine evangelische Person ist,
so habe ich gesagt zu den Evangelischen im Mürztal: Wenn ich mittue, so
müsset ihr mir ein schönes Marienbild in die neue Kirche stellen.
Man will das Bild der Mutter, die einen solchen Sohn geboren, bisweilen mit
Blumen schmücken, man will der Johannes sein, zu dem der Herr am Kreuze
gesprochen: Siehe deine Mutter! Und wenn meine katholischen Landsleute, die
Bauern und Holzer und Halter, die Eier- und Hühnerträgerinnen aus
dem Jokelland, vom Gebirge kommen und vorübergehend einen scheuen Blick
werfen in diese Kirche, so sollen sie ein wenig angeheimelt sein von dem geliebten
Bild, das ihnen freundlich entgegenschaut
Der Dichter nahm auch an der Grundsteinlegung
der Kirche teil, bei der er seine Hammerschläge mit den Worten
"Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden, die eines
guten Willens sind." abgab. Diese Worte wünschte er sich auch später
in der Kirche zu sehen, weshalb sie noch heute den Bogen vor dem Chor zieren.
Auch bei der Einweihung war Peter Rosegger zugegen, wobei er eine Erwähnung
seines Namens bescheiden ausdrücklich verbot.
Das Innere beschreibt Peter Rosegger
so:
Der Raum in der neuen Kirche ist licht
und heimelig. Auf dem Altar ein großes Kruzifix, der Christus aus weißem,
das Kreuz aus schwarzem Marmor. An beiden Seiten je drei Leuchter mit Wachslichtern.
Zur Rechten von uns die Kanzel mit den vier Evangelisten, zur Linken ein überaus
liebliches Bild Mariens,der Heilandsmutter. [...]
Sechs große Fenster mit glühenden
Glasmalereien lassen ein warmes Licht hereinströmen. In den schmalen Fenstern
am Altar die Bildnisse der Weltapostel Petrus und Paulus, in den breiten Fenstern
der Seitenschiffe die Bilder des Sämannes und des guten Hirten. An der
Außenseite über den Fenstern die großen Reformer (Luther und
Melanchton) und über dem Eingang die Heilandsgestalt. [...] Der Fußboden
zeigt ein hübsches Mineralmosaik. Die Sitzbänke sind schlicht, der
Musikchor hingegen hat eine sehr zierliche Holzstruktur mit Schnitzwerk. Mitten
in der Kirche hängt ein schmiedeeiserner Kronleuchter mit vierundzwanzig
Flammen, aus den Wänden stehen sechs Armleuchter, auf dem Orgelchor zwei
Standleuchter - zusammen über fünfzig elektrische Flammen.-
Auch in den folgenden Jahren war Peter
Rosegger häufiger Besucher des Gottesdienstes, erlebte hier den Übertritt
seiner Kinder zum Protestantismus und hielt sein erstes Enkelkind bei der Taufe
über den Taufstein.
Der Dichter blieb Zeit seines Lebens
bei allem Interesse an der evangelischen Kirche der katholischen treu. Seine
Stellung zu den Konfessionen fasste er einmal so zusammen:
Ich diene weder der protestantischen
noch der katholischen Kirche, ich suche herzfroh nur dem zu dienen, dem diese
Kirchen gestiftet wurden, und das ist Einer.