Die Geschichte der Evangelischen Pfarrgemeinde A. und H.B. Mürzzuschlag
Bereits
im 16. Jahrhundert hatte es ein blühendes evangelisches Leben im Mürztal
gegeben. Die Gegenreformation beendete diese Phase im Jahre 1600 auf gewaltsame
Weise. Bis zum Toleranzpatent Josephs II. konnte in den habsburgischen Landen
der Protestantismus nur im Geheimen fortleben.
Die Industrialisierung des Mürztals im 19. Jahrhundert brachte einen Zuzug von Fabrikanten, Beamten und Arbeitern aus allen Ländern der Monarchie und aus dem deutschen Reich, worunter sich viele Evangelische befanden. Von Wald am Schoberpass aus betreute Herr Pfarrer Kotschy durch ein halbes Jahrhundert das Gebiet vom Liesing-Paltental bis zum Semmering. Die Evangelischen des Mürzer Oberlandes, die teilweise aus dem Ennstal, teilweise von Niederösterreich her eingewandert waren, blieben bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Einzugsgebiet von Mitterbach und Naßwald.
Im Jahre 1898 reifte der Entschluss zur Gründung eines eigenen Predigtstationsausschusses und dann einer eigenen Gemeinde. Ein Anstoß für dieses Bestreben war die nationalistische Los-von-Rom-Bewegung, die Georg Ritter von Schönerer ins Leben gerufen hatte. Der Evangelische Bund und der Gustav Adolf Verein versuchten, jenen Menschen, die aus politischen Gründen die Kirche verließen, in der evangelischen Kirche eine neue Heimat zu geben. Alldeutsche Tendenzen und nationalistische Strömungen mischten sich in unüberschaubarer Weise mit religiösen Motiven.

Carl Nierhaus,der erste Kurator Adolf Kappus, der erste Pfarrer
Vom Sommer 1899 an stand der Württemberger Adolf Kappus in Mürzzuschlag als Vikar zur Verfügung und arbeitete gemeinsam mit den einheimischen Evangelischen an der Gründung einer eigenen Pfarrgemeinde und der Errichtung einer eigenen Kirche. Ganz besonders soll hier der Gewerke Karl Nierhaus genannt werden, der dann auch der erste Kurator war.
Bereits sehr früh ist auch der katholische Dichter Peter Rosegger in den Aufbau dieser Gemeinde einbezogen. Als sich die Hoffnung der Evangelischen, in der St. Georgenkirche in Kindberg einen geeigneten Ort für den Gottesdienst gefunden zu haben, zerschlug, wurde die Errichtung einer eigenen Kirche zum erklärten Ziel. Im November 1899 erging ein Aufruf an alle Protestanten des Mürztales, der ein begeistertes Echo fand und die Grundlage für den Kauf eines geeigneten Bauplatzes und weitere Planungsarbeiten war. Peter Rosegger schrieb Anfang Jänner 1900 seinen berühmten Brief "An unsere Freunde im Reich" an 72 schweizerische und deutsche Zeitungen. Das Echo übertraf alle Erwartungen und so konnte der Bau tatsächlich in Angriff genommen werden.
Grundsteinlegung am 17. Juni
1900
Am 17. Juni 1900 wurde die Grundsteinlegung unter reger Beteiligung der Bevölkerung begangen. Superintendent Winkler aus Arriach in Kärnten war dabei ebenso anwesend wie Peter Rosegger. In der selbst im Zeitalter der Fertigteilhäuser überraschend kurzen Zeit von fünf Monaten konnte die Heilandskirche am 18. November im Beisein von Superintendent Winkler, Senior Kotschy, Peter Rosegger und anderer bedeutender Persönlichkeiten eingeweiht werden. Herr Vikar Kappus war im Herbst von der im Sommer konstituierten Gemeinde zum Pfarrer gewählt worden. Seine Amtseinführung fand ebenfalls am 18. November statt.
Damals bezog das
Pfarrgebiet auch Bruck an der Mur mit ein, es war also eine viel größere
Gemeinde als heute. Anfang 1900 wurde die Zahl der zur Gemeinde gehörenden
Mitglieder auf 700 geschätzt. Die nächsten Jahre brachten einen Anstieg der
Mitgliederzahlen, das Pfarrhaus wurde gekauft und damit der ursprüngliche Plan,
neben der Kirche ein Gebäude zu errichten, aufgegeben.
Bereits
1912 kam es zu einer einschneidenden Veränderung der Evangelischen Pfarrgemeinde
A. und H.B. Mürzzuschlag: Bruck an der Mur wurde eine selbständige
Pfarre. Der erste Weltkrieg brachte auch der Heilandskirche den Verlust ihrer
Glocken, ein Schicksal, das zu Kriegszeiten den meisten Kirchen widerfuhr. Die
Zwischenkriegszeit brachte ein weiteres Ansteigen der Zahl der Gemeindemitglieder,
der zweite Weltkrieg beendete dieses Wachstum.
Im
Jahre 1946 wurde auch Kindberg eine eigenständige Pfarre. Die geburtenreichen
Nachkriegjahre brachten noch einmal einen Anstieg der Zahlen der Mitglieder,
Ende der Sechziger kehrte sich dieser Trend um. In den letzten beiden Jahrzehnten
müssen wir eine Abnahme der Evangelischen in unserer Region verzeichnen,
die durch den allgemeinen Bevölkerungsrückgang in unserem Bezirk bewirkt
ist. Zur Jahrtausendwende hat die Evangelische Pfarrgemeinde ungefähr 1600
Mitglieder.
Die
Gemeinde kann bereits auf eine lange Reihe von Pfarrern - bisher 16 - zurückblicken,
besonders der erste - Pfarrer Kappus -
sei hier noch einmal erwähnt. Zweimal wurde unsere Gemeinde sogar von zwei
Pfarrern betreut: 1949 bis 1951 und 1968 bis 1970.
Wir
können heuer nicht nur auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken,
wir schauen auch voller Zuversicht in das 2. Jahrhundert unserer Pfarrgemeinde.
So wie in der Gründungsphase mit den Problemen dieser Zeit umgegangen werden
musste, so wollen wir uns heute jenen Fragen stellen, die unsere Gegenwart an
uns heranträgt, und uns mit Visionen befassen, die uns die nächsten
Jahre und Jahrzehnte gestalten helfen sollen.
Eine
Pfarrgemeinde ist ein lebendiger Organismus, der auf die Mitarbeit und die Teilnahme
seiner Mitglieder angewiesen ist. Jeder Einzelne ist Mitgestalter und prägt
auf seine Weise unsere Gemeinde. Das war vor hundert Jahren so, das ist es jetzt
und wird es auch im 2. Jahrhundert unserer Pfarrgemeinde sein.
Mürzzuschlag, im Frühjahr 2000 Dr. Dieter Röschel,
Kurator