Die Evangelische Kirche A. u. H.B. in Österreich
und der ökumenische Bekenntnisprozess
"Wirtschaft im Dienst des Lebens"

Der ökumenische Bekenntnisprozess "Wirtschaft im Dienst des Lebens"

Vorarbeit
Es begann in Afrika. Die reformierten Christinnen und Christen Afrikas haben schon im Bekenntniskampf gegen die Apartheid in Belhar 1986 im Artikel 4 formuliert:

 

"Wir glauben,
daß sich Gott als der eine offenbart hat, der Gerechtigkeit und wahren Frieden unter den Menschen herbeizuführen wünscht; daß er in einer Welt voller Ungerechtigkeit und Feindschaft auf besondere Weise der Gott der Elenden, der Armen und Benachteiligten ist und daß er seine Kirche aufruft, ihm darin zu folgen; daß er den Unterdrückten Gerechtigkeit bringt und den Hungrigen Brot gibt; daß er die Gefangenen befreit und die Blinden sehend macht; daß er die Erniedrigten unterstützt, die Fremden schützt, Witwen und Waisen hilft und den Gottlosen den Weg versperrt; daß reine und unbefleckte Religion für ihn bedeutet, die Witwen und Waisen in ihrem Leid zu besuchen; daß er sein Volk zu lehren wünscht, das Gute zu tun und das Rechte zu tun; (vgl. Deut. 32,4; Luk. 2,14; Joh.14,27; Eph.2,14; Jes. 1,16-17; Jak. 1,27; Jak.5,1-6; Luk. 1,46-55; Luk.6, 2o-26; Luk.7,22; Luk. 16,19-31);

daß die Kirche deshalb leidenden und bedürftigen Menschen beistehen muß, was u. a. bedeutet, daß die Kirche gegen jede Form von Ungerechtigkeit Zeugnis ablegt und dagegen angeht, damit Gerechtigkeit herabströme wie Wasserfluten und Recht wie ein ewiger Strom; (vgl. Ps.146; Luk. 4, 1-19; Röm.6,13-18; Amos 5)

daß die Kirche als Gottes Eigentum dort stehen muß, wo Gott steht, nämlich gegen Ungerechtigkeit und bei den Benachteiligten;

daß die Kirche in der Nachfolge Christi gegen alle Mächtigen und Privilegierten Zeugnis ablegen muß, die eigensüchtig ihre eigenen Interessen verfolgen und dadurch andere beherrschen und ihnen Leid zufügen.

Daher lehnen wir jede Ideologie ab,

die Formen von Ungerechtigkeit zu rechtfertigen sucht, und jede Lehre, die nicht gewillt ist, eine solche Ideologie im Namen des Evangeliums zurückzuweisen."

1995: Kitwe / Sambia
In der Vorbereitung zur 23. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes, die im August 1997 in Debrecen/Ungarn stattfand, beteiligten sich 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmer  vor allem aus Reformierten Kirchen im südlichen Afrika im Oktober 1995 an einer Konsultation in Kitwe/Sambia und kamen zu der Erkenntnis, dass Globalisierung und neoliberale Wirtschaftsideologie, wie sie derzeit vorherrschen, nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar sind und dass die afrikanische Realität der Armut, die durch eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung verursacht wird, nicht einfach ein ethisches Problem ist, sondern ein theologisches Problem. Die afrikanischen Christen sehen darin einen status confessionis, d.h. eine Bekenntnissituation, in der die Kirche eindeutig ja oder nein sagen muss, wenn sie nicht ihr Kirchesein verlieren will, ähnlich wie den Nationalsozialismus, gegen den die Bekennende Kirche in Barmen 1934 protestierte, und wie die Apartheid, die der Beschluss der 6. Volversammlung des Lutherischen Weltbundes in Dar-es-Salaam 1977 zum status confessionis erklärt hat.

"Es ist unsere schmerzhafte Schlussfolgerung, dass die afrikanische Realität der Armut, die durch eine ungerechte ökonomische Weltordnung verursacht wird, nicht einfach ein ethisches Problem ist. Vielmehr ist sie ein theologisches Problem.  Sie begründet un einen status confessionis.

Mit den Mechanismen der globalen Wirtschaft steht heute das Evangelium selbst, die gute Nachricht für die Armen auf dem Spiel."

 

>>>>>   Der genaue Wortlaut des Kitwe-Dokuments

1997: Debrecen / Ungarn
Der Reformierte Weltbund hat die Frage auf der 23. Generalversammlung in Debrecen/Ungarn 1997 aufgenommen und zu einem processus confessionis aufgerufen, das heißt: zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens auf allen Ebenen.

"Heute rufen wir die Mitgliedskirchen des Reformierten Weltbundes auf allen Ebenen zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens (processus confessionis) bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung auf."

 

>>>>>   Der Aufruf zum processus confessionis

1998: Harare / Simbabwe
Im Dezember 1998 wurde das Thema auf der 8. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare bearbeitet, der den Aufruf des Reformierten Weltbundes gewürdigt hat und die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates ermutigt hat, sich diesem Prozess anzuschließen

>>>>>   Aus dem Bericht des Weisungsausschusses

1999: Bangkok / Thailand
Die asiatische Konsultation in Bangkok schrieb einen Brief an die Kirchen des Nordens. Darin heißt es:

"Es ist Zeit für uns alle, uns zu entscheiden. Die Wahl heißt: Gott oder Mammon, der eine wahre Gott oder der Götzendienst des Reichtums...
Wirtschaftliche Ungerechtigkeit ist eine Verletzung der fundamentalen Artikel unseres Glaubens. Wir rufen euch auf, an unsere Seite zu treten in dem Bekenntnis, dass Wirtschaft eine Frage des Glaubens ist."

 

2001: Budapest / Ungarn
Die Versammlung für die Kirchen in Zentral- und Osteuropa in Budapest ruft unter der Überschrift :"Dient Gott, nicht dem Mammon" auf:

"Wir rufen die Kirchen des Westens dazu auf, sich den zerstörerischen Kräften der wirtschaftlichen Globalisierung entgegenzustellen und für eine weltweite soziale Gerechtigkeit einzutreten."

 

2001: Fiji
Vertreter ( und Vertreterinnen) der Kirchen im pazifischen Raum trafen sich im selben Jahr unter dem Motto "Die Insel der Hoffnung". Ihre Botschaft lautet:

"Das Projekt der ökonomischen Globalisierung gaukelt uns mit religiöser Glut vor, dass Wirtschaftswachstum, freier Kapitalfluss und die Allokation von Ressourcen und Gütern durch Marktmechanismen dem Gemeinwohl dienen.
Doch der Markt als ein Instrument ist amoralisch und führt nicht automatisch zu mehr Gerechtigkeit und Lebensqualität. Er vergrößert eher bestehende Ungleichheiten und eine ungleiche Verteilung von Macht und führt in großem Maße zu Ausschluss und zu ökologischer Zerstörung. Das ist der Grund, warum Widerstand und Alternativen essentiell und drängend sind."

 

2003: Winnipeg / Kanada
Auch der Lutherische Weltbund hat sich auf der Zehnten Vollversammlung in Winnipeg/Kanada im Juli 2003 mit der Frage des Bekenntnisprozesses beschäftigt und ausdrücklich festgestellt:

"Diese falsche Ideologie gründet auf der Annahme, dass der auf Privateigentum, ungezügeltem Wettbewerb und dem Vorrang geschäftlicher Vereinbarungen aufgebaute Markt das absolute Gesetz ist, das das menschliche Leben, die Gesellschaft und die Umwelt beherrscht. Hier handelt es sich um Götzendienst."

>>>>>   Von der Vollversammlung angenommene Botschaft

2004: Accra / Ghana
Juli/August 2004 fand die 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbunds statt, diesmal in Accra in Ghana. Die Delegierten besichtigten auch die Sklavenverliese von Elmina und Cape Coast, Wo Millionen von Afrikanern und Afrikanerinnen zusammengepfercht, verkauft und den Schrecken von Unterdrückung und Tod ausgesetzt wurden. die Botschaft der Vollversammlung ist ein deutliches: "Heute sind wir bereit, eine Glaubensverpflichtung (faith commitment) einzugehen." Das Schlussdokument endet mit folgender Erklärung:

" Die Generalversammlung verpflichtet den Reformierten Weltbund zusammen mit anderen Gemeinschaften, der ökumenischen Gemeinschaft, der Gemeinschaft anderer Glaubensrichtungen sowie Bewegungen der Zivilgesellschaft für eine gerechte Wirtschaft und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten und ruft unsere Mitgliedskirchen auf, das Gleiche zu tun.

Abschließend bekennen wir leidenschaftlich, dass wir uns verpflichten werden, unsere Zeit und unsere Energie darauf zu verwenden, die Wirtschaft und die Erde zu verändern, zu erneuern und wiederherzustellen und damit das Leben zu wählen, auf dass wir und unsere Nachkommen leben können
(5 Mo 30,19).
"


 

>>>>>   Das Dokument im einzelnen

2006: Porto Alegre / Brasilien
Der ökumenische Rat der Kirchen auf der 9. Vollversammlung 2006 in Porto Alegre hielt in seinem Arbeitspapier "Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde - AGAPE" fest:

" Wir, die Vertreter und Vertreterinnen von Kirchen, die wir zur  9. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zusammengekommen sind, möchten betonen, dass eine Welt ohne Armut nicht nur mögliclh ist, sondern in Übereinstimmung steht mit Gottes Gnade für die Welt."

Im selben Dokument finden sich auch die folgenden Verpflichtungen (das ist nur ein Auszug, die vollständige Liste bitte im Originaldokument aufrufen):

"1. Beseitigung der Armut
Wir verpflichten uns erneut, durch die Entwicklung solidarischer Volkswirtschaften und überlebensfähiger Gemeinschaften für die Beseitigung von Armut und Ungerechtigkeit zu arbeiten. Wir werden von unseren Regierungen und den internationalen Institutionen verlangen, dass sie über die Umsetzung ihrer Verpflichtungen zur Armutsbeseitigung und zur Nachhaltigkeit Rechenschaft ablegen.

2. Handel
Wir verpflichten uns erneut, uns durch kritisches Hinterfragen von Freihandel und einschlägigen Verhandlungen für gerechte internationale Handelsbeziehungen zu engagieren und in enger Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen für faire, gerechte und demokratische Handelsabkommen einzutreten.

5. Öffentliche Güter und Dienste
Wir verpflichten uns erneut, uns dem weltweiten Kampf gegen die Zwangsprivatisierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen anzuschließen und aktiv für das Recht jedes Landes und jedes Volkes einzutreten, ihr Gemeingut selbst zu bestimmen und zu verwalten.

8. Kirchen und die Macht des Imperiums
Wir verpflichten uns erneut, uns aus biblischer und theologischer Sicht über die Frage von Macht und Imperium Gedanken zu machen und aus unserem Glauben heraus gegen hegemoniale Mächte standhaft Stellung zu beziehen. Jede Macht ist Gott gegenüber rechenschaftspflichtig."

 


Zusammenfassung

Es geht also in diesem ökumenischen Bekenntnisprozess darum, dass auf allen Ebenen christlicher Kirchen, unabhängig von der Konfession ein Informations- und Aufklärungsprozess angeregt werden soll, Stellung zu beziehen gegenüber der herrschenden Ideologie. Bespielsweise hat der Lutherische Weltbund seine Mitglieder aufgerufen:

-        an der Verwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung mitzuwirken und mit der Zivilgesellschaft Partnerschaften einzugehen, besonders im Rahmen von Bestrebungen, die die prophetische Rolle der Kirchen bei der Förderung von Gerechtigkeit und Menschenrechten anerkennen.

-        Fragen der wirtschaftlichen Globalisierung aufzunehmen, einschließlich der Aspekte Handel, Verschuldung, Militarisierung, Korruption, soziale Verantwortung der Gemeinschaft, Gleichbehandlung der Geschlechter und Migration.

-        ökumenische Partnerschaften, multireligiöse Zusammenarbeit und Bündnisse mit der Zivilgesellschaft (z. B. Weltsozialforum) einzugehen bzw. zu stärken.

-        Gelegenheiten und Foren für Dialog, Diskussion und ethische Beratungen unter Beteiligung verschiedener wirtschaftlicher Akteure, EntscheidungsträgerInnen, BürgerInnen, Betroffener und Gemeinwesen zu schaffen.

-        dabei zu helfen, die Mitglieder durch Bewusstseinsbildung im Bereich der wirtschaftlichen Globalisierung zur Selbstbestimmung zu befähigen und ihnen die Mittel an die Hand zu geben, um konkrete Maßnahmen ergreifen zu können.

Organisationen, die hierbei eine Hilfe sein können und sich über Zusammenarbeit freuen, sind u.a.

FIAN:             www.fian.at        EAWMhttp://www.eawm.at            ATTAC: www.attac-austria.org     Kairos Europa: www.kairoseuropa.de

Österreichisches Aktionsbündnis gegen AIDS: www.aidskampagne.at

 

Es ströme aber das Recht wie Wasser
und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach.

(Amos 5,24 )