Der ökumenische Bekenntnisprozess "Wirtschaft im Dienst des Lebens"
Vorarbeit
Es begann in Afrika. Die reformierten Christinnen und
Christen Afrikas haben schon im Bekenntniskampf gegen die Apartheid in Belhar
1986 im Artikel 4 formuliert:
"Wir glauben, daß die Kirche deshalb
leidenden und bedürftigen Menschen beistehen muß, was u. a. bedeutet, daß
die Kirche gegen jede Form von Ungerechtigkeit Zeugnis ablegt und dagegen
angeht, damit Gerechtigkeit herabströme wie Wasserfluten und Recht wie ein
ewiger Strom; (vgl. Ps.146; Luk. 4, 1-19; Röm.6,13-18; Amos 5)
daß die Kirche als Gottes
Eigentum dort stehen muß, wo Gott steht, nämlich gegen Ungerechtigkeit und
bei den Benachteiligten;
daß die Kirche in der
Nachfolge Christi gegen alle Mächtigen und Privilegierten Zeugnis ablegen
muß, die eigensüchtig ihre eigenen Interessen verfolgen und dadurch andere
beherrschen und ihnen Leid zufügen.
Daher lehnen wir jede
Ideologie ab,
die Formen von
Ungerechtigkeit zu rechtfertigen sucht, und jede Lehre, die nicht gewillt
ist, eine solche Ideologie im Namen des Evangeliums
zurückzuweisen."
daß sich Gott als der eine offenbart hat,
der Gerechtigkeit und wahren Frieden unter den Menschen herbeizuführen
wünscht; daß er in einer Welt voller Ungerechtigkeit und Feindschaft auf
besondere Weise der Gott der Elenden, der Armen und Benachteiligten ist
und daß er seine Kirche aufruft, ihm darin zu folgen; daß er den
Unterdrückten Gerechtigkeit bringt und den Hungrigen Brot gibt; daß er die
Gefangenen befreit und die Blinden sehend macht; daß er die Erniedrigten
unterstützt, die Fremden schützt, Witwen und Waisen hilft und den
Gottlosen den Weg versperrt; daß reine und unbefleckte Religion für ihn
bedeutet, die Witwen und Waisen in ihrem Leid zu besuchen; daß er sein
Volk zu lehren wünscht, das Gute zu tun und das Rechte zu tun; (vgl. Deut.
32,4; Luk. 2,14; Joh.14,27; Eph.2,14; Jes. 1,16-17; Jak. 1,27; Jak.5,1-6;
Luk. 1,46-55; Luk.6, 2o-26; Luk.7,22; Luk. 16,19-31);
1995:
Kitwe / Sambia
In der Vorbereitung zur 23.
Generalversammlung des Reformierten Weltbundes, die im August 1997 in
Debrecen/Ungarn stattfand, beteiligten sich 26 Teilnehmerinnen und
Teilnehmer vor allem aus
Reformierten Kirchen im südlichen Afrika im Oktober 1995 an einer Konsultation
in Kitwe/Sambia und kamen zu der Erkenntnis, dass Globalisierung und neoliberale
Wirtschaftsideologie, wie sie derzeit vorherrschen, nicht mit dem christlichen
Glauben vereinbar sind und dass die afrikanische Realität der Armut, die
durch eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung verursacht wird, nicht einfach ein
ethisches Problem ist, sondern ein theologisches Problem. Die afrikanischen
Christen sehen darin einen status confessionis, d.h. eine Bekenntnissituation, in der
die Kirche eindeutig ja oder nein sagen muss, wenn sie nicht ihr Kirchesein
verlieren will, ähnlich wie den Nationalsozialismus, gegen den die Bekennende
Kirche in Barmen 1934 protestierte, und wie die Apartheid, die der Beschluss der
6. Volversammlung des Lutherischen Weltbundes in Dar-es-Salaam 1977 zum status confessionis erklärt hat.
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"Es ist unsere schmerzhafte Schlussfolgerung, dass die afrikanische Realität der Armut, die durch eine ungerechte ökonomische Weltordnung verursacht wird, nicht einfach ein ethisches Problem ist. Vielmehr ist sie ein theologisches Problem. Sie begründet un einen status confessionis. Mit den Mechanismen der globalen Wirtschaft steht heute das Evangelium selbst, die gute Nachricht für die Armen auf dem Spiel." |
1997:
Debrecen / Ungarn
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"Heute rufen wir die Mitgliedskirchen des Reformierten Weltbundes auf allen Ebenen zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Aufklärung und des Bekennens (processus confessionis) bezüglich wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung auf." |
1998:
Harare / Simbabwe
1999: Bangkok / Thailand
"Es ist Zeit für uns alle, uns zu entscheiden. Die Wahl
heißt: Gott oder Mammon, der eine wahre Gott oder der Götzendienst des
Reichtums...
Wirtschaftliche Ungerechtigkeit ist eine Verletzung der
fundamentalen Artikel unseres Glaubens. Wir rufen euch auf, an unsere
Seite zu treten in dem Bekenntnis, dass Wirtschaft eine Frage des Glaubens
ist."
2001: Budapest / Ungarn
Die
Versammlung für die Kirchen in Zentral- und Osteuropa in Budapest ruft unter der
Überschrift :"Dient Gott, nicht dem Mammon" auf:
"Wir
rufen die Kirchen des Westens dazu auf, sich den zerstörerischen Kräften
der wirtschaftlichen Globalisierung entgegenzustellen und für eine
weltweite soziale Gerechtigkeit
einzutreten."
2001: Fiji
Vertreter ( und
Vertreterinnen) der Kirchen im pazifischen Raum trafen sich im selben
Jahr unter dem Motto "Die Insel der Hoffnung". Ihre Botschaft
lautet:
"Das
Projekt der ökonomischen Globalisierung gaukelt uns mit religiöser Glut
vor, dass Wirtschaftswachstum, freier Kapitalfluss und die Allokation von
Ressourcen und Gütern durch Marktmechanismen dem Gemeinwohl dienen.
Doch der Markt als ein Instrument ist amoralisch und führt nicht
automatisch zu mehr Gerechtigkeit und Lebensqualität. Er vergrößert eher
bestehende Ungleichheiten und eine ungleiche Verteilung von Macht und
führt in großem Maße zu Ausschluss und zu ökologischer Zerstörung. Das ist
der Grund, warum Widerstand und Alternativen essentiell und drängend
sind."
2003: Winnipeg / Kanada
"Diese falsche Ideologie gründet auf der Annahme,
dass der auf Privateigentum, ungezügeltem Wettbewerb und dem Vorrang
geschäftlicher Vereinbarungen aufgebaute Markt das absolute Gesetz ist, das das
menschliche Leben, die Gesellschaft und die Umwelt beherrscht. Hier handelt
es sich um Götzendienst."
>>>>> Von der Vollversammlung angenommene Botschaft
2004: Accra / Ghana
" Die Generalversammlung verpflichtet den Reformierten Weltbund
zusammen mit anderen Gemeinschaften, der ökumenischen Gemeinschaft, der
Gemeinschaft anderer Glaubensrichtungen sowie Bewegungen der
Zivilgesellschaft für eine gerechte Wirtschaft und die Bewahrung der
Schöpfung einzutreten und ruft unsere Mitgliedskirchen auf, das Gleiche zu
tun. Abschließend bekennen wir leidenschaftlich, dass wir
uns verpflichten werden, unsere Zeit und unsere Energie darauf zu
verwenden, die Wirtschaft und die Erde zu verändern, zu erneuern und
wiederherzustellen und damit das Leben zu wählen, auf dass wir und unsere
Nachkommen leben können
(5 Mo
30,19)."
>>>>>
Das Dokument im
einzelnen
2006: Porto Alegre / Brasilien
Der
ökumenische Rat der Kirchen auf der 9. Vollversammlung 2006 in Porto Alegre
hielt in seinem Arbeitspapier "Alternative Globalisierung im Dienst von
Menschen und Erde - AGAPE" fest:
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" Wir, die Vertreter und Vertreterinnen von Kirchen, die wir zur 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zusammengekommen sind, möchten betonen, dass eine Welt ohne Armut nicht nur mögliclh ist, sondern in Übereinstimmung steht mit Gottes Gnade für die Welt." |
Im selben Dokument finden sich auch die folgenden Verpflichtungen (das ist nur ein Auszug, die vollständige Liste bitte im Originaldokument aufrufen):
"1. Beseitigung der Armut 2. Handel 5. Öffentliche Güter und Dienste 8.
Kirchen und die Macht des Imperiums
Wir verpflichten uns erneut, durch die Entwicklung
solidarischer Volkswirtschaften und überlebensfähiger Gemeinschaften für
die Beseitigung von Armut und Ungerechtigkeit zu arbeiten. Wir werden von
unseren Regierungen und den internationalen Institutionen verlangen, dass
sie über die Umsetzung ihrer Verpflichtungen zur Armutsbeseitigung und zur
Nachhaltigkeit Rechenschaft ablegen.
Wir verpflichten uns erneut, uns durch kritisches
Hinterfragen von Freihandel und einschlägigen Verhandlungen für gerechte
internationale Handelsbeziehungen zu engagieren und in enger
Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen für faire, gerechte und
demokratische Handelsabkommen einzutreten.
Wir verpflichten uns erneut, uns
dem weltweiten Kampf gegen die Zwangsprivatisierung von öffentlichen
Gütern und Dienstleistungen anzuschließen und aktiv für das Recht jedes
Landes und jedes Volkes einzutreten, ihr Gemeingut selbst zu bestimmen und
zu verwalten.
Wir verpflichten uns erneut, uns
aus biblischer und theologischer Sicht über die Frage von Macht und
Imperium Gedanken zu machen und aus unserem Glauben heraus gegen
hegemoniale Mächte standhaft Stellung zu beziehen. Jede Macht ist Gott
gegenüber
rechenschaftspflichtig."
Zusammenfassung
Es geht also in diesem ökumenischen Bekenntnisprozess darum, dass auf allen Ebenen christlicher Kirchen, unabhängig von der Konfession ein Informations- und Aufklärungsprozess angeregt werden soll, Stellung zu beziehen gegenüber der herrschenden Ideologie. Bespielsweise hat der Lutherische Weltbund seine Mitglieder aufgerufen:
- an der Verwandlung der wirtschaftlichen Globalisierung mitzuwirken und mit der Zivilgesellschaft Partnerschaften einzugehen, besonders im Rahmen von Bestrebungen, die die prophetische Rolle der Kirchen bei der Förderung von Gerechtigkeit und Menschenrechten anerkennen.
- Fragen der wirtschaftlichen Globalisierung aufzunehmen, einschließlich der Aspekte Handel, Verschuldung, Militarisierung, Korruption, soziale Verantwortung der Gemeinschaft, Gleichbehandlung der Geschlechter und Migration.
- ökumenische Partnerschaften, multireligiöse Zusammenarbeit und Bündnisse mit der Zivilgesellschaft (z. B. Weltsozialforum) einzugehen bzw. zu stärken.
- Gelegenheiten und Foren für Dialog, Diskussion und ethische Beratungen unter Beteiligung verschiedener wirtschaftlicher Akteure, EntscheidungsträgerInnen, BürgerInnen, Betroffener und Gemeinwesen zu schaffen.
- dabei zu helfen, die Mitglieder durch Bewusstseinsbildung im Bereich der wirtschaftlichen Globalisierung zur Selbstbestimmung zu befähigen und ihnen die Mittel an die Hand zu geben, um konkrete Maßnahmen ergreifen zu können.
Organisationen, die hierbei eine Hilfe sein können
und sich über Zusammenarbeit freuen, sind u.a.
FIAN:
www.fian.at EAWM: http://www.eawm.at ATTAC: www.attac-austria.org
Kairos Europa: www.kairoseuropa.de
Österreichisches Aktionsbündnis gegen AIDS:
www.aidskampagne.at
Es ströme aber das Recht wie
Wasser
und die Gerechtigkeit
wie ein nie versiegender Bach.
(Amos
5,24
)